Desolate Zustände

                                         

Okay, es gibt eine Sache, die mich seit Berlin letzte Woche beschäftigt, obwohl sie ja an sich nichts Neues ist – und zwar die stellenweise echt unwürdige Behandlung von Models. Man hört ja immer wieder mal, auf welche prekäre Art und Weise gerade mit neueren Models (ich kann jetzt nur von weiblichen sprechen, bei den männlichen hab ich leider keine Ahnung) seitens der Branche umgegangen wird. Dass sie von Agenturen und Castingmenschen hinsichtlich kleinster Unzulänglichkeiten extrem hart kritisiert werden. Dass völlig egal ist, wie lange das Mädchen schon auf den Beinen ist, hauptsache die Fotostrecke wird durchgekloppt. Und dass ihre Lage arbeits- und versicherungsrechtlich ohnehin ziemlich mau aussieht. Richtig erlebt habe ich das aber das erste Mal letzte Woche auf der Fashion Week.

Eine Situation, die ich echt heftig fand, war, als in einer der vielen Stage-Präsentationen, die ich besuchte (den Namen des Designers sag ich mal nicht, tut auch nichts zur Sache), eines der Models nach 15-minütigem regungslosem Strammstehen auf einmal halb ohnmächtig vom Podest fiel. Ich hab erst gedacht, dass das zur Show gehört – nach genauerem Hinsehen tat es das aber nicht. Das Mädchen war kreidebleich und wurde dann auch gleich von einem Security-Mitarbeiter rausgebracht. Ob es jetzt daran gelegen hat, dass es in den Scheinwerfern zu heiß war oder dass sie aufgrund des Zeitdrucks (oder zwecks Figurerhalt) nichts gegessen hatte, weiß ich nicht. Das Schockierende war jedoch erstens, dass es keinen der Zuschauer irgendwie zu jucken schien und zweitens, dass das arme Mädchen nach circa zehn Minuten wieder reingeschickt wurde, um weiterzuposieren, Zwar lief daraufhin jemand vom Team des Designers (oder der Agentur, keine Ahnung) mit Wasser rum und gab den anderen Models über einen Strohhalm etwas zu trinken. Aber die Tatsache, dass das Mädchen wieder zurückgekommen ist, fand ich sehr bedenklich. Danach hab ich übrigens erfahren, dass sie erst 15 Jahre alt war.

Ich hab mich im Nachhinein darüber mit zwei Bekannten unterhalten, die selbst modeln und beide auch während der Fashion Week gebucht wurden. Auf meine (zugegeben etwas naive) Frage, ob denn wenigstens de Bezahlung einigermaßen sei, kam nur: „Bezahlung? Für Jobs auf der FashionWeek bekommen die meisten Models keinen Cent. Das ist reine Prestige-Arbeit.“  Und wenn mal etwas Bezahlung in Aussicht gestellt wird, hieße das noch lange nicht, dass man das Geld auch hinterher tatsächlich überwiesen bekäme.

Nun ist das keine investigativ aufgedeckte Story, das ist mir klar. In der Branche weiß man natürlich Bescheid über diese Zustände –und sicherlich gibt es hier auch Ausnahmen. Viele nutzen sie aber eben auch aus. Das so unverblümt als Außenstehende mitzubekommen, macht einem knallhart bewusst, wie wenig das glamouröse Bild des Modeljobs mit der Wirklichkeit übereinstimmt. Fakt ist: man hat fast keine Rechte, kein Mitspracherecht, am besten gar keine Meinung. Wenn man nicht dünn oder typgerecht genug aussieht, wird einem das knallhart gesagt. Wenn man nicht unbezahlt arbeiten will, gleichzeitig aber für die Reise- und Anfahrtskosten selbst aufkommen muss, macht es eben eine andere, kein Problem.

So schön ich die Schauen, überirdisch gute Editorialstrecken und die künstliche Scheinwelt der Modeindustrie auch finde – dank der Erfahrungen letzte Woche werde ich mir zukünftig hoffentlich öfter mal in Erinnerung rufen, auf wessen Kosten wir den ganzen Zirkus letztendlich genießen. Und dass ein perfektes Äußeres keineswegs davor schützt, aufgrund desolater Arbeitsbedingungen auch schnell mal vom Podest zu fallen.

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